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2016 11 Tipp des Monats November: Peter Brook: Das offene Geheimnis

Peter Brook, Das offene Geheimnis. Gedanken über Schauspielerei und Theater.
Eine Rezension von Andrea Bergmann.

Peter Brook ist Film- und Theaterregisseur. Sein bekanntestes Buch „Der leere Raum“ zählt zur Basisliteratur für Theaterschaffende. Peter Brooks Gedanken über das konventionelle und das volksnahe Theater finden in diesem Werk Ausdruck.
Das 1993 im Alexander Verlag Berlin/Köln erschienene Werk „Das offene Geheimnis. Gedanken über Schauspielerei und Theater mit einem Nachwort von Hans-Thies Lehmann“ knüpft an die Theaterbetrachtungen von „Der leere Raum“ an. Das zentrale Element bilden die Ausführungen rund um das volksnahe Theater, das auch als „das unmittelbare Theater“ bezeichnet wird. Das Buch mit der ISBN 978-3-89581-266-8 hat 160 Seiten und kann in Fadenheftung zum Preis von Euro 14,90.- erstanden werden.
Folgenden Fragen wird nachgegangen: Was denn Theater ausmacht, und wie Regisseure und Regisseurinnen lebendiges Theater schaffen können. Der Autor ist bestrebt, die Essenz des Theaterschaffens zu erforschen. In diesem Sinne berichtet und erzählt er aus seinem Theaterleben und vermittelt Einblicke in seine Anschauungen von Regie und Theater. „Wenn die Gewohnheit uns glauben läßt, Theater beginne notwendig mit einer Bühne, mit Kulissen, Schweinwerfern, Musik und Sesseln [...] dann fährt der Zug schon auf dem falschen Gleis los. [...] – um Theater zu machen, braucht man aber nur eines: das menschliche Element.“ (S.21)
Um Langeweile im Theater zu vermeiden, verwendet Peter Brook Improvisationsmethoden und lässt die daraus entstehenden Elemente in seine Produktionen einfließen. Er vertritt die Auffassung, dass Theater zu einem lebendigen Ganzen werden muss. Dafür sei ein immens hohes Können des Schauspielers vonnöten. Im Speziellen seien folgende Fähigkeiten eines Darstellers, einer Darstellerin essentiell: wache Wahrnehmung, ein durchlässiger Köper und ehrliches Gefühl. Denken, Fühlen und Körperliches müssen in Harmonie zueinander stehen, damit eine lebendige Sprache und glaubwürdiges Theater erzeugt werden kann. (vgl. S.24f). Um zur Gestalt einer Figur zu gelangen, müsse auf mannigfache Weise an eine Rolle herangegangen werden. Vorerst sollen eine Reihe vorläufiger Fälschungen produziert werden, die erst obsolet werden, wenn der Schauspieler spürt, dass die wahre Figur gefunden ist. (vgl. S.31) Eine bedeutende Rolle schreibt der Autor der Fantasie zu. Er meint, dass u.a. der Aufbau von Kulissen, zu eindeutige Kostüme oder ein Multimedia-Spektakel den freien Fluss der Fantasie beschränken. Theaterzauber könne erlangt werden, indem die Fantasie die Leere des Raumes füllt, auf diese Weise können beim Betrachter Bilder und Gedanken entstehen. (vgl. S.34)
Um Langeweile in Produktionen auszuschließen, begab sich Peter Brook mit seinem Ensemble in Schulen. In Klassenzimmeratmosphäre ließ er seine Stücke zu einem bestimmten Zeitpunkt des Probenverlaufs ohne jegliche Kostüme oder Requisiten spielen. Das junge

Publikum, Schüler und Schülerinnen, hielt er für besonders unvoreingenommen, und so erwartete er unmittelbare Reaktionen sowohl auf langatmige Passagen, als auch spontanen Beifall für spannende Momente. (vgl. S.40ff) In diesem Kapitel, das er „Die List der Langeweile“ benennt, befasst er sich außerdem mit der Verdichtung von Zeit und der Form im Theater. Mit Verdichtung von Zeit ist gemeint, dass Handlungen, die sich im realen Leben über einen längeren Zeitraum erstrecken, im Theater dramaturgisch kunstvoll und zeitlich für das Theater adäquat in Sprache und Handlung gegossen werden.(vgl. S.36f) Am Anfang eines Stückes hat der Regisseur durch die Stückauswahl die Sprache des Autors zur Verfügung und die Gedankengänge und Vorstellungen, die sich dem Regisseur aufdrängen. Da es von großer Bedeutung ist die richtige Form für ein Stück zu finden, muss sich der Regisseur mit seinem Team auf die Suche begeben und Mut zum Experimentieren, Erforschen, Verwerfen und Erneuern finden. (vgl. S.61ff) Das ständige Suchen, Ausloten und Erforschen der richtigen Form bildet den Kern für „das unmittelbare Theater“. Dieser Prozess soll dazu beitragen, der Langeweile in Theaterstücken entgegenzuwirken. (vgl. S.69)
Im zweiten Kapitel, „Der goldene Fisch“, geht es um Momente der Wahrheit im Theaterspiel, um die Kraft des Augenblicks, um Präsenz und die Energie, die entstehen kann, wenn der Schauspieler mit seiner Gegenwart, seinem Ausdruck und durch das Spiel mit Worten das Publikum erfasst. Peter Brook zeigt sich tief berührt von Shakespeares Vermögen, das Alltägliche, das Banale wie auch das Abgründige genauso wie das Schöne, das Heilige und Spirituelle in seinen Stücken aufflammen und zum Leben erwachen zu lassen. (vgl. S.92ff)
Dieses Kapitel schließt mit der Betrachtung über die Verbindung zwischen Darsteller und Publikum. „Dazu kommt es, wenn die vergänglichen Formen ihren Zweck erfüllt und uns zu diesem einen unwiederholbaren Moment gebracht haben, da eine Tür sich auftut und unser Blick sich verändert.“(S.105)
Im letzten Kapitel, „Das offene Geheimnis“ taucht Peter Brook in eine seiner Erfolgsproduktionen ein und lässt den Leser, die Leserin an einem Arbeitsprozess für die Produktion „Der Sturm“ von William Shakespeare teilhaben. Das Stück wurde 1990 in Zürich uraufgeführt, ging danach auf Europatournee und wurde anschließend sogar in Tokio präsentiert. Hier verwehrt sich der Regisseur entschieden gegen eine intellektuelle Herangehensweise an Theaterstücke. Er plädiert für Intuition, Experiment, Versuch und Irrtum. Er meint, es müsse eine Menge Material gesammelt werden, um es später zum richtigen Zeitpunkt in die entsprechende Form zu gießen. (vgl. S.118f) Daher müsse man improvisieren, Ideen von Schauspielern aufgreifen und an Szenen auf unterschiedliche Weise herangehen. Auf diese Weise wird der Schauspieler gefordert und gefördert, damit er schlussendlich seinen eigenen Weg für die Rollenfindung gehen kann. (vgl. S. 125)
Im 20-seitigen Nachwort von Hans-Thies Lehmann werden die Gedanken und Ansichten Peter Brooks zusammengefasst. Lehmann beschreibt mit metaphorischen Ausdrücken die wesentlichsten Inhalte, betont nochmals die hauptsächlichen Elemente von Peter Brooks Lehre und umreißt diese klar und verständlich.

Peter Brooks „Das offene Geheimnis“ sei jedem Theaterinteressierten empfohlen. Es vermittelt einen ästhetisch künstlerischen Zugang zum Theater, betont den Wert von Theaterschaffen und ermöglicht ein Verständnis für ein lebendiges, gegenwärtiges Theater. Aus diesem Grund ist das Buch für Theaterpädagogen und Theaterpädagoginnen als sehr wertvoll zu erachten. Peter Brook gelingt der Spagat zwischen Vermittlung bodenständiger, knochenharter Theaterarbeit und dem Glauben an den spirituellen Zauber im Theater. „Leere im Theater gestattet der Phantasie, die Lücken zu füllen. Paradoxerweise ist die Phantasie umso glücklicher, je weniger man sie füttert, denn sie ist ein Muskel, der gerne Spiele spielt.“(S.34)
Peter Brook versteht das Wesen des Theaters, verfügt über die Fähigkeit, sich einfach klar und verständlich auszudrücken und vermittelt die Liebe zum Wort, zum Theater, zur Arbeit sowie zum Sein und ermöglicht reinen Lesegenuss!
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