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2017 05 Der Tipp des Monats Mai: Studienbuch Theaterpädagogik.

Studienbuch Theaterpädagogik.
Grundlagen und Anregungen.
Marcel Felder, Mathis Kramer-Länger, Roger Lille Ursula Ulrich. Pädagogische Hochschule Zürich, 2013, ISBN 978-3-0375-138-7.
Rezension von Andrea Maria Bergmann

Das 230 Seiten umfassende Buch ist reich bebildert und in sieben Kapitel unterteilt. Das erste Kapitel, das von Roger Lille erarbeitet worden ist, beschäftigt sich mit der Begrifflichkeit „Theaterpädagogik“. Es beleuchtet das Arbeitsfeld der Theaterpädagogik und beschreibt die historische Entwicklung der Fachdisziplin. Auf einigen wenigen Seiten werden die großen Schauspiellehrer Konstantin Sergejewitsch Stanislawski, Bertold Brecht, Jerzy Grotowski, Augusto Boal, Lee Straßberg und Keith Johnstone erwähnt, es wird auf ihre grundlegende Bedeutung für die Theaterarbeit hingewiesen.
Das zweite Kapitel, von Mathis Kramer-Länger verfasst, setzt sich mit den Feldern der Theaterpädagogik auseinander. Die Tätigkeitsgebiete im Theater, in der Pädagogik und in der Therapie werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und miteinander in Beziehung gesetzt. (vgl. S.36) In diesem Kapitel geht der Autor der Frage nach, ob es Grenzen und Schnittpunkte in den jeweiligen Arbeitsfeldern gibt.
Seit wann gibt es Theater? Wie hat sich Theater in der Schule entwickelt? Kann Theaterspielen in den Bildungsauftrag der Schule eingebettet werden? Diese Forschungsfragen beschäftigen Marcel Felder im dritten Kapitel. „Betrachtet man den Umstand, dass jeder Mensch sich tagtäglich über seine Ausdrucks- und Äußerungsformen wie Sprache, Mimik, Gestik, Körperhaltung, Verhalten usw. mit der Welt auseinandersetzt, bietet der Bildungsprozess über das Theaterspielen an der Schule eine unverzichtbare Form der Weltaneignung, da der Mensch über die Darstellung des Menschsein reflektiert.“ (S. 83)
Theaterspielen ist der bewusst gesetzte Ausdruck des menschlichen Körpers. Welche Komponenten und Facetten zur Bewusstwerdung des Ausdrucks gehören, erschließt sich im Kapitel drei. Das Autorenkollektiv versucht zu umreißen, was denn Theater ist und welche Zutaten zum Theater gehören.
Im Kapitel vier geht die Reise vom Einsatz des Körpers der Spieler_innen bis hin zur Textkonzeption. Es folgen Ausführungen über Raum, Licht, Ton und
Maske. Requisiten und Bühnenbild werden ebenfalls in diesem Kapitel behandelt. (vgl. S. 86)
Am fünften Kapitel schreibt wiederum das gesamte Autorenteam und legt den thematischen Schwerpunkt auf die Spielleitung. Wie definiert sich die Rolle der Spielleitung und welche Aufgaben hat sie inne? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt für dieses Kapitel. Wie erteilt man Spielanweisungen? Was gehört dazu, um eine gesamte Theaterproduktion qualitätsvoll zu leiten? Kapitel fünf beschreibt den gesamten Theaterprozess bis hin zur Aufführung. (vgl. S. 132f)
Durch das sechste Kapitel führt Ursula Ulrich. Es beginnt mit einem Exkurs zur Bedeutung und Wirkung des Spiels im Kindesalter. Es geht darum, wie man einen ganzheitlichen Spielprozess anleitet, und welche Rolle dabei das Vertrauen in die Fähigkeit des Spielens jedes einzelnen Menschen spielt. Welche Grundhaltung, welche wesentlichen Skills müssen Theaterpädagog_innen beherrschen, um ein offenes, inspiriertes Arbeitsklima zu schaffen, indem geistige, seelische und spielerische Entwicklung sowie ein gutes Miteinander möglich werden? (vgl. S.204f)
Kapitel sieben bildet die logische Fortsetzung des vorhergehenden Abschnitts. Ursula Ulrich begleitet die Theaterpädagog_innen von den ersten Inspirationen durch unterschiedliche Phasen eines gesamten Theaterprozesses bis hin zur Aufführung und Nachbesprechung. Sie untersucht dabei diverse Modelle und fasst gemeinsame Planungsszenarien bedeutender Theaterpädagog_innen in dem hier vorgestellten Modell „Theater machen, ein roter Faden“ zusammen.
Das Buch könnte man liebevoll ironisch als theaterpädagogisches Schwergewicht bezeichnen, zumal es 230 Seiten komprimiertes Wissen über Theaterpädagogik beinhaltet. Bereits das erste Kapitel bietet erhellende Einblicke in die Geschichte des Theaters und der Theaterpädagogik. Jedes Kapitel wird mit einleitenden Worten eröffnet und am Ende des Kapitels rundet eine Zusammenfassung die Darlegungen ab. Diese Art der Buchgestaltung induziert die Möglichkeit, das Gelesene zu wiederholen und zu festigen.
Besonders aufschlussreich ist das zweite Kapitel, in dem die Arbeitsfelder der Theaterpädagogik beleuchtet werden. Hier werden beispielsweise die Grenzen zur therapeutischen Arbeit beschrieben und die Aufgabenfelder der Theaterpädagog_innen im Schnittfeld zwischen Theater und Pädagogik untersucht.
In den Kapiteln fünf und sechs werden die Aufgaben von Theaterpädagog_innen in den Mittelpunkt gerückt.

Zudem werden Handreichungen für theaterpädagogisches Arbeiten in der Schule geboten. Es wird anschaulich beschrieben, wie es möglich ist den Bildungsauftrag der Schule zu erfüllen und gleichzeitig wertvolle künstlerisch ästhetische Arbeit zu erbringen.
Die Herausgabe des Buches wurde von mehreren Schweizer Pädagogischen Hochschulen unterstützt, demgemäß liegt ein gewisser Schwerpunkt auf der Entwicklung der Theaterpädagogik in der Schweiz. Gerade diese Einblicke in die theaterpädagogische Landschaft des Nachbarlandes bereichern.
Als besondere Stärke dieses Werkes kann das gute Fundament der Recherche bezeichnet werden, das liegt vermutlich daran, dass die Autorenschaft an unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten gearbeitet hat. Zudem ist das Buch am Puls der Zeit und beschreibt die aktuelle theaterpädagogische Szene mit den gegenwärtigen Richtlinien, Einstellungen und Haltungen. Klar wird auch, dass die Theaterpädagogik keine eindeutige Wurzel hat und ständig einer Weiterentwicklung unterworfen ist. Aber gerade das ist an diesem Arbeitsfeld so spannend, inspirierend, mitunter an- und aufregend.
Besonders beeindruckend sind der neutrale Schreibstil und die Sachlichkeit, wenn vielleicht doch anzumerken gilt, dass dies ein wenig zu Lasten der literarischen Qualität des Schreibstils geht. Die Arbeitsfelder der Theaterpädagogik werden beschrieben und vergleichend nebeneinander gestellt. Schwerpunkt und Konzeption in der Theaterarbeit werden in die Verantwortung der jeweiligen Theaterpädagog_innen gelegt, dabei wird nicht bewertet, eingeengt oder gar ein Zeigefinger erhoben, es werden schlicht Möglichkeiten erwogen. Ein Kompliment gilt also der neutralen Stärke der Inhalte.
Das Gewicht des Buches und das ungewöhnliche Format und somit die Unhandlichkeit des Buches bilden den Wermutstropfen. Das Studienbuch Theaterpädagogik ist ein wichtiges grundlegendes Fachbuch.
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