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Wir setzen uns zum Ziel, theatrale Bildung im Kontext Schule zu unterstützen und weiterzuentwickeln.

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R.I.P. Wien 1221-2016 - Der Krieg kommt schneller als du denkst…

Ein Theaterprojekt der 5B, der Praxisklasse des Gymnasiums Geblergasse 56, 1170 Wien
Arbeitszeitraum 14.-25. November 2016, Aufführung 25. November 2016

Konzept, künstlerische Leitung, Regie: Bettina Stokhammer, Renate Weichselbaum
Musik: Renate Weichselbaum
Text: 5B Ensemble, Bearbeitung Bettina Stokhammer, Renate Weichselbaum
Bühnenbild: Florian Gruber, Daniela Tagger

Die Praxisklasse ist ein neuartiges Konzept für eine Klasse der Oberstufe im Gymnasium Geblergasse, mit einem starken Schwerpunkt auf praktischer Arbeit. Dazu gehören in der fünften Klasse neben Wildnistagen, Arbeiten auf Bauernhöfen und auch eine zweiwöchige Intensivtheatereinheit. Das Theaterprojekt war in relativer Näher zum Schulanfang geplant, weil es auch dem Zusammenhalt der neu entstandenen Klasse dienen sollte.

Zwei Wochen lang – netto acht Tage - arbeitete die Praxisklasse im Festsaal unserer Schule täglich intensiv an einer Stückentwicklung zu dem selbstgewählten Thema "Was wäre, wenn der Krieg zu uns nach Österreich käme?". Dabei wurden in vielen Diskussionen die drei großen Themenblöcke "Krieg in Österreich", "Flucht" und "Asyl" behandelt, und die umgekehrte Perspektive in vielen theatralen Formen emotional erfasst.

Die Jugendlichen hatten unterschiedliche Voraussetzungen. Etwa die Hälfte der 30-köpfigen Klasse hatte in der Unterstufe einen Theaterschwerpunkt gehabt und war mit Übungen und Inszenierungsmöglichkeiten vertraut, der andere Teil stammte auch Großteils aus einem Kreativzweig, allerdings mit dem Schwerpunkt Musik. Um diese Erfahrungsheterogenität auszugleichen, waren die ersten zwei Tage hauptsächlich der Erarbeitung von Grundelementen wie das neutrale Stehen und Gehen, Stop Motion, Spiel mit Maske, Zeitlupenbewegungen und vielen Impro-Übungen gewidmet.

Dazwischen gab es immer wieder Phasen intensiver Textproduktion nach vorgegebenen Parametern, beispielsweise die Fortsetzung des Satzes „Ich drehe das Radio auf und…“ mit Einwurf von Wörtern die die SchülerInnen zuvor mit Krieg assoziiert hatten. Ohne den Stift von einem großen Blatt Papier zu nehmen schrieben sie einen Text beginnend mit den Worten „Wenn bei uns Krieg wäre…“, der wiederum als Input für eigene literarische Produkte in beliebiger Form – von Prosa über Rap zu Gedichten – diente.

Ein zentrales Element der ersten Woche war eine fünftstündige Dramaeinheit zum Thema Flucht und Asyl mit meiner Kollegin Renate Weichselbaum und mir als „Teacher in Role“. Hier bekamen die SchülerInnen Rollenkärtchen mit einer kurzen Biographie eines Asylwerbenden und wurden dann unter großem Zeitdruck in zwei Gruppen aufgeteilt, die sich auf die Flucht machten. Diejenigen, die einen von einem Kollegen gespielten Schlepper bezahlen konnten (mit ihren Handys oder Geld, das sie zufällig dabei hatten) wurden in einen LKW „gesperrt“ und mussten nicht, wie die andere Gruppe, bei Regen über den Sportplatzzaun klettern und sich durch die Büsche kämpfen. Von der zweiten Gruppe bekamen einige Kärtchen, auf denen sie informiert wurden, dass sie auf der Flucht verstorben waren. Sie übernahmen daraufhin die Rolle von Sozialarbeitern und freiwilligen Helfern.

Die Erstaufnahme fand vor dem Festsaal statt, wir Lehrerinnen sprachen nur Französisch oder Tschechisch. Dann begann die quälende Phase des Wartens, zuerst in einer Schlange nach der Aufnahme, dann in einem Klassenraum. Die SchülerInnen mussten glaubwürdig auf Englisch ihre Geschichte erzählen. Nur wenigen wurde letztlich Asyl gewährt, alle anderen wurden aus dem Klassenraum „zum Flugzeug“ geführt und abgeschoben.

In einer langen Schlussreflexionsrunde wurde die Erfahrung als sehr eindringlich und intensiv bewertet und fand in zwei Szenen Niederschlag.

Unsere Aufgabe als Theater- und Musikpädagoginnen war es, die einzelnen Textelemente und später durch Improvisationen entstandenen Szenen sowie die erarbeiteten musikalischen Einheiten zu einer harmonischen Collage zu vereinen. Dabei wurde eine wesentliche Inszenierungsidee von einem Schüler geliefert, der meinte, es wäre doch gut, die erste Szene als Schachbrett zu gestalten, mit dem die Mächtigen der Welt spielen. Ich nahm den Vorschlag auf, und ließ die Szene mit dem Auftritt eines Terroristen abbrechen, der die Figuren (also die SchülerInnen) auf dem Brett mit zwei Granaten sprengte.

Ab Mittwoch vor der Aufführung begann der eigentliche Probenprozess. An diesen Tagen waren die SchülerInnen von 8.00 bis 19.30 in der Schule. Die Aufführung am Freitagabend war ein großer Erfolg und wurde vom Publikum und auch der anwesenden Presse sehr gelobt.

In der Schlussreflexion wurde der Arbeitsprozess von den SchülerInnen selbst als sehr anstrengend beschrieben, die Aufführung als sehr intensiv und lohnend. Insgesamt wurde das Theaterprojekt – auch in Hinblick auf das Zusammenwachsen als Klassengemeinschaft – als sehr positiv bewertet.

English version:   R.I.P Vienna 1221-2016. War is closer than you may think…

A theatre-project of the “Praxisklasse” 5B, Gymnasium Geblergasse 56

Work period: 14th - 25th November 2016, presentation of the play: 25th November 2016

Artistic directors: Bettina Stokhammer, Renate Weichselbaum

THEORETICAL APPROACH

The „Praxisklasse“ is a new pedagogical concept introduced for the first time in school-year 2016/17 for a fifth form of Gymnasium Geblergasse and specifically directed at students who want to have a distinctly practical approach towards learning. Next to outdoor-days, social work and agricultural training this concept comprises two weeks exclusively dedicated to theatrical practice and the collective development of a play based on a topic chosen by the class.

A class at school is a group of people fused together by chance. In the fifth form, the first class of upper school, the fourteen-year-old students find themselves facing a new structure and new class mates. To form a well-functioning collective, they need guidance and structure. As argued in my thesis “The Theatre-Class. A Model of Gratification. Class guidance and class performances modeled on theatre ensembles” I take the view that a class guided and mentored like a theatre-ensemble by its director will meet all requirements to constitute a positive class-climate.

 A theatre project like the one presented in this paper will

  • give the students the chance to get to know each other outside the usual classroom setting
  • heighten mutual esteem and respect and strengthen them as an ensemble
  • give them an empathic insight into a highly controversial and emotional topic
  • rise to society’s high expectation with regard to holistic education

PRACTICAL APPROACH

After much discussion and talks with a former student of our school whose family had fled from Syria the class decided to tackle the topic “What if the war came to us?” We split the theme into three distinct sub-topics “War in Austria-what would it be like?” “Flight – would we stay or try to escape?” and “Asylum – where would we seek shelter and who would be willing to take us up?” and dealt with them individually.

We started with an extremely intensive preliminary drama unit, where the students were engaged in a play during which they had to take up the identity of asylum seekers fleeing from war and oppression. As “teachers in role” my colleague and I adopted the position of human traffickers as well as officials dealing with applications for asylum.  After five exhausting hours we collectively reflected on the experiences and figured out how to include some elements in our play.

The following days were dedicated to basic drama exercises and games as well as to creative text production. The results were regularly presented and the topics were open for discussion.

Scenes were developed in improvisation units as well as written by those who volunteered for more creative writing tasks. We tried many things, included and rejected scenes if they did not work out as planned or were too similar to others of found alternative versions. After five days of intensive work we started putting together the bits and pieces to form one homogenous collage of scenes that have been compiled by using various theatrical methods such as:

  • improvisation (verbal and physical, using “tools”)
  • stop-motion
  • freeze frames / still images
  • musical interludes
  • narrative theatre
  • choreographed collective scenes
  • various ways of presenting texts

The play was considered a huge success by the audience, the press and – most importantly – by the students themselves. Their most common feedback was that it was “strenuous” “a big challenge”, that it glued the class together, and that it made them proud of themselves as well as the whole ensemble.

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